Ethel balancierte das Teeservice vorsichtig auf ihren Händen. Sie war neu in diesem Haus und wollte zeigen, dass sie alles verstanden hatte, was man ihr gesagt hatte.

Mr. Stockbridge ließ sich seinen Tee jeden Morgen um Punkt acht Uhr direkt in sein Studierzimmer bringen. Ethel hatte extra darauf geachtet, dass der Tee nicht zu heiß war, denn dann verlor er sein Aroma und Mr. Stockbridge konnte es nicht ausstehen, wenn sein Tee kein Aroma hatte. Er war ein absoluter Tee-Connoisseur, dieser Mr. Stockbridge, das hatte man Ethel direkt am ersten Tag gesagt. Umso wichtiger war es, dass der perfekte Tee, nachdem sie ihn exakt viereinhalb Minuten hatte ziehen lassen, jetzt nicht zur Hälfte auf dem Tablett verteilt wurde, weil sie zu tollpatschig war, einen Fuß vor den anderen zu setzen.

Sie erreichte die große, eichene Tür zum Studierzimmer unfallfrei und klopfte, das Service nun auf der rechten Hand balancierend, dreimal vorsichtig an. Die Teetasse wackelte gefährlich und Ethel hielt die Luft an, als der heiße Inhalt kurz vor der Kante halt machte und wieder zurück schwappte. 

„Bitte!“, hörte sie Mr. Stockbridges Stimme gedämpft rufen und Ethel verbuchte das als Erlaubnis einzutreten.  Sie holte tief Luft, prüfte noch einmal, ob irgendwo auf dem Tablett nicht doch ein Tropfen Tee gelandet war, und als sie das glücklicherweise nicht erkennen konnte, öffnete sie die Tür. 

„Sie brauchen nicht erst klopfen, wenn sie mir meinen Tee bringen, Ethel. Sie sind mit diesem herrlichen Getränk immer gern gesehen.“ Mr. Stockbridge sah, den Kopf leicht nach vorn geneigt, von einem Buch auf seinem Schreibtisch auf, als Ethel den Raum betrat. Die Brille saß ihm auf der Nasenspitze und seine Augen, wie sie über die Brille hinweg das Dienstmädchen anschauten, wirkten trotz der gerade gesagten Worte nicht tadelnd, sondern freundlich. Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen.

„Ja, Sir“, sagte Ethel und beugte ihren Kopf leicht nach vorn, um zu zeigen, dass sie ihn verstanden hatte. Mr. Stockbridge, hatte man ihr gesagt, war kein strenger Hausherr und dennoch hatte sie nicht vor, einen Fehler zu machen. Sie mochte ihre Arbeit.

„Stellen Sie das Service einfach dort drüben auf den Lesetisch neben meinem Sessel“, sagte Mr. Stockbridge und zeigte mit der ausgestreckten Hand auf einen weißen Chintzsessel in der gegenüberliegenden Ecke des Raumes. Neben ihm stand ein kleiner Lesetisch, auf dem einige Bücher lagen. Ethel hätte alles gegeben, auch nur eines davon lesen zu können, denn wenn er sie las, mussten sie gut sein - doch lesen hatte sie nie gelernt. Vielleicht konnte Andrew ihr es einmal beibringen? Sie würde ihn fragen, sobald er sie morgen zum Picknick abgeholt hatte.

„Zum Glück ist noch Platz“, sagte sie, bevor sie es sich besser überlegt hatte und errötete sofort. „Entschuldigung. Ich meine nur…“

Mr. Stockbridge lachte. „Machen Sie sich nichts draus. Sie haben vollkommen Recht, Ethel. Ich sollte sie wirklich wieder in die Regale zurückstellen.“

„Ich lasse Sie dann wieder allein, Sir“, sagte Ethel kleinlaut, doch auch froh, dass sie ihren neuen Hausherren mit dieser unbedachten Aussage nicht verärgert hatte. Sie ging in Richtung Tür.

„Einen Moment noch, bitte“, sagte Mr. Stockbridge. „Sind Sie so nett und würden in der Küche bescheid geben, dass ich heute nicht im Haus frühstücken werde? Ich erwarte Besuch und wir werden im Café auf dem Hamilton Place etwas zu uns nehmen.“

„Sehr wohl, Sir.“

„Danke, Ethel.“

Ethel knickste. Schon wieder entgegen besserem Wissen. Erneut errötete sie, als ihr das Maleur auffiel.

„Lassen Sie das, bitte, Ethel. Ich bin nicht adelig.“ 

Auch diesmal war es kein Tadel. Mr. Stockbridge war tatsächlich nachsichtiger als sie es aus den anderen Häusern gewohnt war, in denen sie vorher gearbeitet hatte. 

„Sehr wohl, Sir. Entschuldigung.“

Sie schloss die Tür hinter sich und atmete einmal tief durch. Warum hatte sie geknickst? Ihr war doch gesagt worden, dass er das nicht mochte und dennoch hatte sie es getan. Man knickste nur vor Adeligen und Mr. Stockbridge war Minenbesitzer, kein Adeliger, auch wenn sich manche von seinesgleichen  benahmen als seien sie welche.

Sie machte sich auf den Weg zurück in die Dienstkammer, wo sie nun etwas Zeit hatte, bis sie das Teeservice wieder abholen würde. Wenn Mr. Stockbridge außerhalb aß, würde er wohl nicht so lang für den Tee brauchen. Er folgte einem strengen Zeitplan, was bedeutete, dass auch sein Besuch pünktlich sein würde. Sie würde in einer Viertelstunde nach dem Teeservice schauen. 

Auf dem Weg zum Dienstzimmer machte sie Halt in der Küche und gab Patty Bescheid, dass sie heute kein Frühstück machen musste. Patty grummelte.

„Wofür bin ich dann aufgestanden?“, fragte sie, doch Ethel zuckte nur mit den Schultern.

„Sei froh, dass er dir wenigstens Bescheid gibt. Es gibt Leute, die lassen ihre Bediensteten umsonst kochen.“

Ethel mochte Patty. Die beiden kamen gut miteinander aus, doch morgens war Patty seit kurzem in schlechterer Stimmung als sie. Ethel fragte sich, ob Patty genug Schlaf bekommen hatte. Immerhin hielt die kleine Mary sie seit fast zwei Monaten nachts wach. Pattys Mann, Arnold, war nicht wirklich hilfsbereit. „Die Erziehung von Mädchen liegt in der Verantwortung der Frau“, redete er sich aus der Verantwortung heraus. Ethel konnte sich jedoch gut daran erinnern, dass ihr  eigener Vater sich immer um sie und ihre kleine Schwester gekümmert hatte, wenn Mama mal keine Zeit oder Kraft gefunden hatte und fragte sich, wie Arnold auf solche Aussagen kam.

„Ich geh dann wieder zu Mary“, sagte Patty. „Sie wird schon wieder rufen und Arnold macht  ja keinen Finger krumm, was das angeht.“

„Nun ja“, sagte Ethel. „Ich würde mich dazu ja äußern, aber meine Erziehung erlaubt mir das nicht.“

Patty warf ihr einen bösen Blick zu. „Ich weiß, dass er zu Hause nutzlos ist. Aber er verdient gut und ich bin durch Mary nun mal an ihn gebunden. Was soll ich denn sonst machen? In Schande leben?“

Ethel sagte nichts, außer: „Meine Erziehung erlaubt es mir nicht, mich dazu zu äußern.“ Sie sagte es mit extra viel Nachdruck, damit Patty es verstand. Natürlich war sie trotzdem sauer, das spürte Ethel. Sie hoffte inständig, dass ihr mit Andrew nicht irgendwann das gleiche Schicksal drohte. Schließlich schien auch Arnold ein anständiger Mann gewesen zu sein. Im Grunde war er das ja auch jetzt noch, dachte sie schnell, nur hatte er eben eine sehr seltsame Auffassung von Kindererziehung und väterlichen Pflichten.

In ihrem Dienstmädchenzimmer besah sie kurz ihr Spiegelbild. Im Haus legten alle großen Wert auf ein anständiges Erscheinungsbild, weshalb Ethel penibel darauf achtete, das kein Schmutzfleck an ihrer Arbeitskleidung und kein Ruß in ihrem Gesicht zu erkennen waren. Als Dienstmädchen war das besonders wichtig, wenn man den Hausherren einmal vor Gästen bediente, denn sie vertrat als Angestellte des Hauses nicht nur sich selbst, sondern das ganze Haus, die Belegschaft und nicht zuletzt auch den Hausherren. Man konnte sich denken, welchen Skandal es gäbe, wäre sie nicht ordentlich gekleidet oder gar dreckig. Die Leute würden sich über Mr. Stockbridge das Maul zerreißen. Eine gute Angestellte war immer auch ein Spiegelbild des Hausherren. Das hatte sie bereits in ihrem ersten Haus gelernt.

Ethel hatte schon vor zwei Jahren begonnen zu arbeiten. Ihre Eltern waren stolz darauf, dass sie direkt in einem Adelshaus beginnen durfte. Ethel jedoch hatte das Gefühl, als hätte das jemand für sie eingefädelt. Vielleicht Gott, vielleicht aber auch einfach nur eine ganz bestimmte, gute Freundin. In ein Adelshaus zu kommen - und das im Alter von 14 für eine Ausbildung als Dienstmädchen - war zwar keine Seltenheit, jedoch hätte in Ethels Umfeld niemand einen Schilling darauf gewettet, dass ausgerechnet sie eine solche Stelle bekäme.

Die ganze Straße wusste, wie ungeschickt sie war. Mit acht Jahren war sie einmal zwei Arbeitern in den Weg gekommen, die gerade ein neues Fenster für den Lebensmittelladen von Mr. Twague einsetzen wollten. Sie hatte einfach nicht darauf geachtet, wo sie hingelaufen war. Trotz dem einer der Arbeiter noch gerufen hatte, sie solle die Augen aufmachen, war es zu spät gewesen. Als sie ihren Kopf nach vorn richtete, knallte sie mit der Nase voran in die Scheibe, die daraufhin aus den Händen eines der Arbeiter rutschte und auf der Kopfsteinpflasterstraße zerbrach. Das hatte fürchterlichen Ärger gegeben, auch wenn Mr. Twague, der Ethel und ihre Schwester fast wie seine eigenen Enkelinnen behandelte, lauter gelacht hatte als alle anderen. Die Scheibe mussten ihre Eltern zwar nicht bezahlen, doch Mama hatte sie von diesem Zeitpunkt an oft zum Aushelfen in Mr. Twagues Laden geschickt, damit sie den Schaden abarbeiten würde. Papa dagegen hatte eine Woche lang nicht mit ihr gesprochen und nur enttäuscht den Kopf geschüttelt, wenn er sie beim Essen ansah. Sie hatte sich gewünscht, dass er sie einfach anschreien würde. Das wäre besser gewesen.

Zwei Jahre später hatte sie dann Mamas selbstgeflochtenen Lieblingseinkaufskorb kaputt und sich dabei erneut lächerlich gemacht. Mr. Twague hatte sie gewarnt, dass zu viele Waren im Korb vielleicht dazu führten, dass der Henkel abriss, doch sie hatte gesagt, dass der kurze Weg dem Korb schon nichts ausmachen würde. Der Henkel riss, kaum dass sie aus dem Laden getreten war und die Straße überquerte: die drei Zwei-Liter-Milchflaschen, der Laib Brot, der große Schinken und einiges an Obst und Gemüse verteilten sich auf der Kopfsteinpflasterstraße, ziemlich genau dort, wo wegen ihr zwei Jahre vorher bereits Hunderte Glasscherben gelegen hatten. Erneut hatte es viel Ärger gegeben. Sie hatte für Mama einen neuen Korb flechten müssen und Papa hatte nicht mehr mit ihr gesprochen, bis er einen neuen Schinken vor sich liegen hatte. Das hatte einige Wochen gedauert, denn Papa hatte bestanden, dass sie den Schinken von ihrem selbst verdienten Geld kaufen musste. Dafür hatte sie zwei Wochen in der Wäscherei arbeiten müssen, doch von den Dämpfen war ihr immer schlecht geworden, weshalb sie froh war, dort schnell wieder aufhören zu können.

Als Dienstmädchen hatte sie jetzt ein akzeptables Einkommen für ihr Alter, trotz dem sie nicht mehr im Adelshaus arbeitete, in dem sie angefangen hatte. Außerdem musste sie bisher nur selten Wäsche waschen und stattdessen das Haus in Ordnung halten und Tee oder Essen servieren. Sie war sich zwar immer noch nicht sicher, ob ihr nicht irgendwann einmal das Tablett aus den Händen fallen und Papa dann wieder wochenlang nicht mit ihr sprechen würde, doch sie hatte schon lange nichts mehr fallen lassen und das machte sie wirklich stolz. Patty meinte, es läge daran, dass sie nicht mehr bei ihren Eltern wohnte und daher weniger Angst vor Konsequenzen haben müsste, doch das glaubte sie nicht, auch wenn es sie erleichterte, dass Papa ja nicht erfahren musste, wenn sie etwas fallen ließ, denn sie lebte im Haus von Mr. Stockbridge und ging nur nach Feierabend kurz zu ihren Eltern - wenn sie nicht andere Pläne hatte. Mit Andrew zum Beispiel.

Ihr Herz machte einen Sprung, wann immer sie an ihn dachte. Andrew war ein Lehrling, den sie eines Tages bei Mr. Twague gesehen hatte. Er schien ganz in der Nähe aufgewachsen zu sein, doch hatte sie ihn vorher nie getroffen. Oder er war ihr nie aufgefallen, was sie sich jetzt, da sie ihn kannte, gar nicht erklären konnte. Die beiden hatten, mit Mr. Twagues ehrgeiziger Hilfe, erste Verabredungen miteinander gehabt und erst letzte Woche hatte sie Andrew ganz öffentlich auf die Wange geküsst. Einige Passanten hatten sich über so viel Obszönität auf offener Straße abschätzig geäußert, doch Ethel war das egal gewesen. Und Andrew scheinbar auch, denn zwei Tage später hatte er ihr einen kleinen Kuss auf den Mund gegeben. Beide hatten sich laut lachend über die Entrüstung der alten Damen, die aus dem Lebensmittelladen kamen, amüsiert.

Als Ethel nun zum Waschbecken ging, um sich ein Glas Wasser zu nehmen, fiel ihr Blick auf die Uhr. Fünfzehn Minuten waren um. Sie trank das Glas schnell leer und machte sich auf den Weg zurück zum Studierzimmer.

Als sie dort ankam, war sie immer noch in Tagträume über vergangene Momente mit Andrew versunken. Dann hörte sie Stimmen aus dem Inneren des Zimmers. Also war Mr. Stockbridge noch nicht weg. Doch als sie gerade umdrehen und zurück zu ihrem Zimmer gehen wollte, hörte sie ein lautes Rumpeln. Es klang, als wäre jemand zu Boden gestürzt.

„Bleib lieber dort, Stockbridge“, sagte eine Frauenstimme. „Ich kann für nichts garantieren, wenn du wieder aufstehst.“

Ethel lief es eiskalt den Rücken hinunter. Das klang ganz deutlich nach einem Überfall. Was sollte sie tun? Das Studierzimmer hatte zwei Türen. Die, vor der sie stand, war geschlossen, doch um auf die Straße zu laufen und Hilfe zu holen, musste sie an der anderen Tür vorbei. Sie könnte ein paar Schritte zur Seite machen und um die Ecke des Ganges spähen, doch was, wenn dort jemand stand und darauf achtete, dass niemand kam? Und selbst wenn niemand dort war - so deutlich wie die Stimmen zu hören waren, stand die andere Tür weit offen und alle im Raum würden Ethel problemlos sehen können.

„Bitte nehmen Sie, was Sie wollen“, sagte Mr. Stockbridge. Ein Flehen lag in seiner Stimme, das Ethel noch viel mehr Angst bereitete. Sie hatte noch nie jemanden so flehen gehört… „Meine Kinder kommen gleich vom Ausflug mit ihrer Mutter zurück. Tun Sie Ihnen nichts.“

„Wir tun Kindern nichts, keine Sorge“, erwiderte die Frau. „Aber an Ihren Sachen bediene ich mich gern. Sehen Sie es als Kompensation für das, was Sie mir und meinem Sohn angetan haben.“

Also sind es mehrere, dachte Ethel. Gut, dass ich nicht um die Ecke geschaut habe. Da steht bestimmt noch einer.

„Ich kenne Sie doch überhaupt nicht“, sagte Mr. Stockbridge und immer noch lag dieses Flehen in seiner Stimme. „Was habe ich Ihnen denn getan?“

„Schweig!“, schrie die Frau. Ihre Wut war deutlich hörbar. „Du weißt ganz genau, was du Schwein uns angetan hast!“

„Darf ich mit ihm spielen, Mama?“, sagte eine andere, viel jüngere Stimme. Sie gehörte eindeutig zu einem Kind und Ethel zweifelte nun doch kurz daran, dass es sich hier um einen Überfall handelte. Wer brachte denn sein Kind mit, wenn er jemanden ausraubte? Doch in fast dem gleichen Moment fiel ihr auf, wie dumm dieser Gedanke war. Das Gespräch ging klar in eine Richtung. Die Frau hatte ein Kind zu diesem Überfall mitgebracht. Hatte sie nicht gerade noch von ihrem Sohn gesprochen?

„Gleich, mein Schatz“, sagte die Frau liebevoll. „Doch erst einmal muss der Mann Mama ein paar Fragen beantworten.“

Ethel hörte die Frau durch den Raum gehen. Sie wagte nicht, die Tür zu öffnen, falls es irgendjemand mitbekommen würde. Ein Stuhl wurde zurückgezogen und Ethel war sich sicher, dass die Frau an Mr. Stockbridges Schreibtisch Platz genommen hatte. Ihr Sohn schien sich nicht zu bewegen. Zumindest konnte Ethel ihn nicht hören.

„Interessante Unterlagen, Stockbridge“, sagte die Frau. „Ist das der Bericht zum Grubenunglück in Südwales vor einer Woche? Ah, hier steht’s ja.“

Eine kurze Pause erfolgte. Dann legte die Frau das Papier zurück auf den Tisch.

„Die Stockbridge Mining Company hat alle gesetzlich vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen eingehalten. Sie trifft daher keine Schuld?“ Sie schien nun den Bericht zu zerreißen, jedenfalls soweit Ethel das, mit dem Ohr am Türspalt, sagen konnte. „Keine Schuld, Stockbridge? Was sind Sie für ein ehrloses Stück Dreck!“

Ethel war so schockiert, dass sie laut aufkeuchte. Sofort schlug sie sich die Hand vor den Mund.  Eine solche Beleidigung für ihren neuen Hausherren war unerhört. Mr. Stockbridge war ein absoluter Gentleman und behandelte sogar seine Bediensteten besser, als sie das von ihrem vorherigen Herren sagen konnte. Und was sollte der Junge erst denken, wenn die eigene Mutter so redete!

Glücklicherweise hatte die Frau zum fast gleichen Zeitpunkt, in dem Ethel aufgekeucht hatte, auf den Schreibtisch geschlagen.

„Sie werden büßen! So oder so, Stockbridge!“

„Darf ich jetzt mit ihm spielen, Mama?“, fragte der Junge.

„Gleich, Arthur!“

„Wann ist ‚gleich‘?“

Die Frau atmete tief durch, antwortete ihm jedoch nicht.

„Sie haben meinen Mann auf dem Gewissen, Stockbridge. Wahrscheinlich haben Sie nicht damit gerechnet, dass die Frau eines Minenarbeiters ihre Privatadresse ausfindig macht. Vielleicht war es ihnen aber auch egal. Jedenfalls hätten Sie damit rechnen müssen, dass Ihre Taten Konsequenzen haben werden. ‚Keine Schuld’? Ihr elenden Heuchler!“

„Wie sollte ich denn ein Grubenunglück verhindern? Die passieren nun einmal dort unten!“ Stockbridge schien kurz die Fassung wieder gewonnen zu haben, doch die Frau schritt schnell durch den Raum und verpasste ihm eine schallende Ohrfeige, die Ethel schockiert an der Tür lauschen ließ. Wie konnte diese Frau es wagen?

„Du wirst den Tag bereuen, an dem du das Geld für einfache, sichere Grubenlampen nicht ausgeben wolltest! Ja, Stockbridge, die, bei denen die Kerze in einer Glaskammer steckt! Damit die Gase sich nicht entzünden und keine Explosionen vorkommen können! Einhundertunddreizehn Leben hättest du retten können! Für gerade mal 50 Pence das Stück! Das war dir aber zu teuer, was? Und jetzt schau dir  dieses Anwesen an! Was kostet dich das, Stockbridge? Was kostet dich das?

Mr. Stockbridge sagte nichts. Er schien es für zwecklos zu halten. Oder er hat Angst um sein Leben, dachte Ethel.

Dann: „Es tut mir Leid.“

„Das bringt mir meinen Mann und meinem Sohn seinen Vater nicht zurück“, sagte die Frau. „Spar dir dein Mitleid.“

„Was wollen Sie?“, fragte Mr. Stockbridge. „Wenn es Ihnen nicht um Reue oder Geld geht, um was geht es Ihnen dann?“

„Ich will deiner Familie das antun, was du meiner angetan hast, Stockbridge. Ganz einfach.“

„Sie haben gesagt, Sie würden meiner Familie nichts tun!“ Panik breitete sich in Mr. Stockbridges Stimme aus. Ethels Knie zitterten. Sie kannte seine Frau und die Kinder. Allesamt waren sie eine unglaublich nette Familie. Zumindest im Vergleich mit den anderen Familien, die sich Bedienstete leisten konnten. Wahrscheinlich, weil sie alle aus einem ähnlichen sozialen Umfeld kamen wie Ethel. Mr. Stockbridge hatte selbst als Arbeiter in einer Mine angefangen und sich dann mit Bildung und guten Kontakten hochgearbeitet. So sehr, dass er eines Tages seine eigene Mine aufmachen konnte.

„Deiner Familie tue ich auch nichts“, sagte die Frau nun. „Im Grunde tue ich generell nichts. Und wenn du Glück hast, kannst du heute Abend in deiner Villa essen. Aber die Chancen stehen schlecht, glaub mir.“

„Ist jetzt ‚gleich‘, Mama?“, fragte der Junge.

„Ja, mein Schatz“, sagte die Frau. „Spiel mit dem Mann.“

Der Junge sprang vor Freude in die Luft und dann vernahm Ethel ein Geräusch, das sie in einem solchen Kontext nie erwartet hatte. Es war so absurd, dass sie glaubte, sie würde in einem Albtraum stecken.

Rrrrrrrrrr.

Dieses Geräusch kannte sie nur aus einer Situation. Auf der Straße, auf der sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester gewohnt hatte, hatte es einige zwielichtige Figuren gegeben. Eine davon war Poriatkin gewesen. Ihre Eltern hatten nicht viel von ihm gehalten, denn er war ständig ohne Arbeit, jedoch immer mit einer ausreichenden Menge Geld unterwegs. Papa hatte ihn einen „Schmarotzer“ genannt und ihr verboten, auch nur in seine Nähe zu gehen.

Poriatkin war gebürtiger Russe und irgendwann vor Ethels Geburt nach Großbritannien eingewandert. Obwohl Ethel sich von ihm fernhalten sollte, war sie doch immer wieder gezwungen, an seinem Haus am Ende der Straße vorbeizugehen, wenn sie Freundinnen besuchen  wollte oder Besorgungen erledigen musste. Im Sommer hatte er immer die Fenster offen gehabt und aus dem Inneren des Hauses hatte Ethel oft Stimmen und Gelächter gehört. Von den Gesprächen hatte sie jedoch nie etwas verstanden, denn die Beteiligten schienen alle Russen gewesen zu sein und sprachen kein Englisch. Sie war immer schnell an den offenen Fenstern vorbeigegangen, aus Angst, dass Papa sie vor Poriatkins Haus sehen würde, doch eines Abends hatte sie eben dieses Geräusch gehört.

Rrrrrrrrrr. Klick.

Gelächter. Sie war schnell weitergegangen. Irgendetwas war komisch daran gewesen, doch sie hatte sich nicht darum gekümmert, bis sie nach einem dieser Geräusche einen Schuss gehört hatte.

Diesmal gab es kein Gelächter. Und Poriatkin wurde noch am selben Abend in einer Holzkiste aus dem Haus getragen. Dabei war der Bestatterlehrling über einen hochstehenden Pflasterstein gestürzt und hatte die Kiste fallen lassen. Der Deckel war heruntergerutscht und Ethel hatte Poriatkin gesehen. Nur hatte er kein Gesicht mehr, stattdessen ein großes Loch an der Stelle, wo sein Gesicht eigentlich hätte gewesen sein müssen. Dieses Bild hatte sie lang nicht vergessen können.

Jetzt dieses Geräusch hier in Mr. Stockbridges Haus zu hören, machte ihr höllische Angst. In ihrem Kopf tauchten die Bilder von dem großen Loch in Poriatkins Gesicht auf.

Klick.

Mr. Stockbridge wimmerte. Er schien zu wissen, was passieren würde.

„Ich spiel doch noch gar nicht, Onkel“, sagte der Junge verwundert. „Da fehlt doch noch die Patrone.“ Er schnalzte mit der Zunge, als wäre das das offensichtlichste der Welt. „Ich erklär dir das Spiel, ja?“

„Mach schnell, Arthur“, sagte die Frau. „Ich will heute noch nach Hause.“

„Also“, fuhr der Junge fort. „Ich habe jetzt eine Patrone hier in die Kammer getan. Siehst du?“

Ethel hörte Mr. Stockbridge erneut wimmern. Sie war wie gelähmt. Was sollte sie bloß tun? Der Junge würde doch nicht etwa schießen? Er war doch sicher kein Mörder. Das konnte doch nicht sein!

„Dann dreh ich die Kammer einmal ganz schnell. So.“

Rrrrrrrrrr.

Da war es wieder, das verhasste Geräusch. Erneut tauchte das Bild von Poriatkins blutigem Gesicht vor Ethels Augen auf.

„Und dann zieh ich am Abzug“, sagte der Junge. Als würde er einem anderen Kind das Versteckspiel erklären, dachte Ethel. „Wenn du gewinnst, gehen Mama und ich nach Hause und du darfst weiter hier auf dem Boden mit deinen Büchern spielen. Wenn ich gewinne, kommt rotes Zeug aus deinem Kopf und Mama und ich gehen trotzdem nach Hause. Wir spielen drei Runden, ja?“

„Bete einfach, Stockbridge“, sagte die Frau und ein Hauch Belustigung lag in ihrer Stimme. „Deinen Angestellten wird der Anblick nicht gefallen, wenn Arthur gewinnt.“

„Das Spiel geht los“, sagte der Junge.

Rrrrrrrrrr.

Ethel hielt die Luft an. Bitte nicht.

Klick.

Stille.

„Die erste Runde hast du gewonnen, Onkel.“

Ethel hörte Mr. Stockbridge erneut wimmern. Sie konnte es nicht zulassen, dass er starb. Doch was, außer beten, sollte sie tun? 

„Zweite Runde.“

Rrrrrrrrrr.

Ethel spürte es als Vorahnung. Noch bevor sie den Schuss hörte, wusste sie, dass er kommen würde.

Er war unüberhörbar. Sicher würde jemand von draußen ihn wahrgenommen haben und die Polizei verständigen?

Ethel hörte, wie Mr. Stockbridge nach vorn fiel. Der Junge rief: „Gewonnen!“

„Gut gemacht, Arthur“, sagte die Frau. „Komm jetzt!“

Ethels Knie gaben nach. Mit einem lauten Poltern schlug sie auf dem Boden auf. Nein, dachte sie sich. Das gibt’s nicht!

„Ja!“, rief der Junge immer noch vor Freude, doch die Frau wies ihn an: „Sei leise, Arthur! Da ist jemand. Dort drüben, an der anderen Tür.“

Noch bevor Ethel die Kraft gefunden hatte, wieder aufzustehen, fiel sie vornüber in das Studierzimmer, als die große, eichene Tür geöffnet wurde, an der sie dem Mord an ihrem Hausherren gelauscht hatte. Ein Kind, dachte sie immer noch. Ein Kind hat ihn umgebracht!

Sie schaute auf. Es war wie ein Deja-vu. Auf dem Teppich vor Mr. Stockbridges weißem Chintzsessel war eine riesige Blutlache. Der Sessel war nicht mehr weiß. Ethel konnte Teile von Mr. Stockbridges Schädel sehen. Etwas klebte dran. Ihr wurde schlecht. Sie kniff die Augen zusammen, doch die Bilder verschwanden nicht. Stattdessen erschien nun zusätzlich noch Poriatkins durchlöchertes Gesicht in ihrem Kopf. Doch dort klebte nichts mehr irgendwo.

„Willst du mitspielen?“, fragte der Junge.

Ethel hatte nur seine schwarzen Schuhe und die weißen Kniestrümpfe gesehen, bevor sie Augen zugepresst hatte. Sie schüttelte den Kopf.

„Aber es macht so viel Spaß…“ Der Junge schien ein wenig zu schmollen.

„Was hast du gehört, Mädchen?“, fauchte die Mutter des Jungen.

Ethel schüttelte nur den Kopf. Tränen rannen ihr die Wangen herab. Ich will nicht sterben. Ich will einfach nur nicht sterben. Bitte.

„Von wegen, nichts“, sagte die Frau. „Nun, vielleicht hast du mehr Glück als dein verdammter Sklavenhalter hier.“

„Jaaa!“, rief der Junge. „Noch eine Runde!“

Ethel zitterte am ganzen Körper. Sie wusste, dass sie das nicht überleben würde. Sie hatte es im Gefühl. Und dabei hatte sie doch so viele Pläne gehabt. Das Picknick morgen mit Andrew…

Der Junge schob eine weitere Patrone in die Kammer. „Weißt du, wie das gespielt wird?“

Ethel schüttelte den Kopf. Der Junge stöhnte auf.

„Warum wisst ihr immer nicht, wie man das spielt? Ich will das nicht immer erklären.“ Er atmete hörbar genervt durch. „Also gut. Es ist ganz einfach. Ich dreh an der Kammer. Dadrin ist eine Patrone. Eine einzige. Wenn ich die Kammer gedreht habe, zieh ich am Abzug. Wenn du gewinnst, bleibt die Patrone in der Kammer. Wenn ich gewinne, spritzt das rote Zeug auch aus deinem Kopf. Hab ich doch eben schon dem Onkel erzählt. Du hättest besser zuhören müssen.“

„Halt still, Mädchen“, sagte die Frau liebevoll. „Es geht schneller, wenn du nicht zitterst.“

„Erste Runde“, sagte der Junge.

Rrrrrrrrrr. 

Klick.

Ethel zuckte. Der Junge schnalzte mit der Zunge.

„Du musst ruhig bleiben“, sagte er genervt. „Mama, sag ihr, dass sie ruhig bleiben muss.“

„Mach besser, was er sagt“, sagte die Mutter, erneut belustigt. „Wenn er die Lust verliert, drückt er am Abzug, bis die Kammern alle einmal dran waren.“

Ethel schluchzte.

„Bitte“, wimmerte sie. „Ich hab gar nichts getan. Ich will nur hier weg!“

„Du hast bessere Chancen, wenn du still hältst“, erwiderte die Frau nur.

„Gut, zweite Runde“, sagte der Junge.

Ethel hielt still.

Rrrrrrrrrr.

Klick.

Sie holte tief Luft. Noch konnte sie es. Der Junge hatte nur noch einen Versuch. Sie hoffte nur, dass er kein schlechter Verlierer war und mit der letzten Runde einfach so lange den Abzug zog, bis er die richtige Kammer getroffen hatte… Aber natürlich kam es anders.

„Letzte Runde“, sagte er. „Aber bei der darf ich dreimal am Abzug ziehen. Vielleicht gewinnst du ja aber trotzdem. Viel Glück.“

Er sagt das alles, als würde sie gerade am Losstand stehen und einen großen Teddybären gewinnen können, wenn sie nur die richtige Nummer zog. Was war mit diesem Jungen verkehrt?

Sie würde sterben. Es waren seine Regeln und er legte sie so aus, wie er sie brauchte, um zu gewinnen. Drei Versuche und beim letzten hatte er die dreifache Chance. Ethel wusste, dass sie sterben würde. Die beiden konnten sie gar nicht leben lassen. Sie hatte zu viel gehört. Das Risiko war zu groß.

Rrrrrrrrrr.

Ethel dachte an Andrew, an ihre Familie, an Patty und die kleine Mary. An all die Missgeschicke, die ihr im Leben passiert waren. An Poriatkins und Mr. Stockbridges durchlöcherte, blutige Gesichter…

Klick.

Klick.

Klick.