Chris schrak schweißgebadet aus dem Schlaf. Der Raum vor ihm lag im Dunkeln. Er konnte nichts erkennen,  hörte lediglich den starken Regen vor dem Fenster. Ein Albtraum hatte ihn geweckt und nach ein paar Sekunden, in denen ihm klar wurde, dass er nun wach war, entspannte  er sich. 

Ein Lichtblitz erhellte den Raum. Kurz darauf: Donner.

Seine Augen fielen auf Megs Umrisse. Sie ließ sich ihren Schlaf nicht von einem Gewitter ruinieren und lag friedlich atmend neben ihm. Er beneidete sie für ihren tiefen Schlaf. Meg konnte man nachts aus dem Bett ziehen, ins Wohnzimmer verfrachten und am nächsten Tag würde sie aufwachen und sich fragen, wie sie auf die Couch gekommen war. Chris dagegen…

Manche Leute würden sagen, ihn plagten heftige, wiederkehrende Albträume. Doch Chris wusste, dass es keine Albträume waren. In Träumen konnte niemand riechen, schmecken, fühlen. Irgendwo hatte er einmal gelesen, dass man nicht einmal seine Hände sehen konnte.

Doch Chris konnte all das, weshalb er davon ausging, dass es sich wohl nicht um Träume handelte. Er hatte immer das Gefühl, als würde er sich an etwas erinnern…

Schon oft hatte er mit Therapeuten über seine Schlafprobleme gesprochen. Sie alle bescheinigten ihm jede Menge psychischer Ursachen, doch keiner wollte glauben, was Chris tatsächlich von seinen Albträumen hielt. Dass er seine Sinne auch in diesen „Träumen“ verwenden konnte, taten alle damit ab, dass es sehr wohl möglich war, im Traum zu hören, fühlen, riechen und schmecken. Nur waren es eben Gegenstände, Gerüche und Geschmäcker aus der Welt, in der er sich in seinem Wachzustand befand und sein Hirn ordnete sie im Traum einfach falsch zu.

Chris hatte schon so oft darüber diese Art der Erklärungen den Kopf geschüttelt, dass er die Hoffnung, irgendeiner möge ihn verstehen, endgültig aufgegeben hatte. Sie verstanden ihn nicht. Keiner von diesen Experten verstand ihn, obwohl es eigentlich ihr Job war.

Sein ganzes Leben hatte er immer wieder nachts wachgelegen und einfach nicht einschlafen wollen. Er hatte Angst vor dem, was dann passieren würde.

Erinnerungen an Gegebenheiten, die er nie selbst erlebt hatte.

Erinnerungen an Tod, Krieg, Folter, Trauer. Der Geruch von Leichen, der Geschmack von Blut, die brennenden, stechenden oder pulsierenden Schmerzen - all das, was er im Schlaf durchmachen musste, sorgte dafür, dass er die ruhige Nacht nie genießen konnte.

Aber es waren ja nur „Träume“.

Warum er sich an diese Dinge erinnerte, wusste er nicht. Nur, dass es nicht normal zu sein schien, denn immer, wenn er jemandem von seinen Erinnerungen erzählte, stellten sie ihm eine blühende Fantasie aus. Niemand hatte je davon gehört, dass man sich an Sachen erinnern könnte, die man nicht erlebt hatte.

Das führte Chris zu einem ganz bestimmten Schluss.

Er erinnerte sich an Momente aus früheren Leben

Mit dieser Idee hatte er sich nicht zum nächsten ungläubigen Psychotherapeuten aufmachen wollen, doch Meg hatte er davon erzählt.

„Ich kenne da jemanden, der die eventuell helfen könnte“, hatte sie gesagt.

Chris hatte nur ungläubig aufgelacht.

„Als ob irgendjemand mir glauben würde.“

Doch Dr. Nandley hatte ihm geglaubt.

Er hatte ihm sogar ein Medikament verschrieben, dass seine Albträume lindern sollte. In den letzten zwei Tagen hatte es Chris noch nichts gebracht, doch Dr. Nandley meinte, es würde eine Weile dauern, bis der Effekt tatsächlich eintreten würde.

Ein weiterer Lichtblitz erhellte das ruhige, dunkle Schlafzimmer. Chris schwang die nackten Füße aus dem Bett, stand auf und ging über den kalten Parkettboden leise zur Tür. Der Regen prasselte heftiger ans Fenster und nun schien es auch noch windig zu werden. Meg würde nichts davon mitbekommen, da war er sich sicher. Doch ihm würde es schwer fallen, bei diesem Wetter wieder einzuschlafen. Zumindest vorerst.

Er drückte die eisige Metallklinke der Schlafzimmertür nach unten und öffnete sie leise. Im Flur war es etwas ruhiger, da sich hier keine Fenster befanden und so nahm das Unbehagen in Chris’ Brust ein wenig ab. Einzig die auch hier vorherrschende Kälte ließ ihn jetzt noch zittern. Warum war er aber auch ohne Hausschuhe in den Flur gegangen?

Zwei Türen weiter befand sich die Küche. Sein Ziel. Da er nun nicht mehr darauf achten musste, Meg schlafen zu lassen, machte er sich etwas schneller auf den Weg. Ein Glas Wasser würde ihm nun sicher gut tun. Zumindest war es bisher immer so gewesen. Er fand es seltsam, doch immer, wenn er ein wenig Wasser zu sich nahm, schienen die lebhaften Erinnerungen aus seinem Kopf zu verschwinden. Der Geruch, der Geschmack, die Phantomschmerzen. Alles weg.

Die Erinnerung, die ihn heute aus dem Schlaf hatte schrecken lassen, war neu gewesen. Sie schien schon etwas länger her zu sein, allerdings erkannte er die Räumlichkeiten, die er in seinem Traum durchwandert hatte und das ließ ihn immer noch nicht wirklich los.

Denn es waren die Räumlichkeiten in diesem Haus. 

Seinem Haus.

Wenn es tatsächlich eine Erinnerung gewesen ist, dann hätte die Maklerin Meg und ihm eine Sache ordentlich verschwiegen. Aber wer konnte ihr das schon verübeln?

Mordhäuser drückten den Preis…

Der nächste Blitz erhellte die schwarze Küchenzeile und die weißen Fliesen. Chris, der sich gerade ein leeres Glas aus dem Schrank genommen hatte, versuchte jetzt panisch und vorerst erfolglos danach zu greifen. Vor Schreck war es ihm aus der Hand gerutscht und nach ein paar weiteren unsicheren Griffen, bei denen er sich vorkam wie ein in Panik geratener Jongleur, hatte er es endlich wieder sicher in der Hand und stellte das Glas auf der Küchenanrichte ab. 

Sein Herz schlug schnell, nur, ob es wegen des Glases war oder wegen des Schattens, den er in seinem Augenwinkel wahrgenommen hatte - da war er sich nun nicht mehr so sicher…

Langsam drehte er sich in die Richtung, in der er ihn gesehen hatte.

Nichts.

Niemand.

Er runzelte die Stirn und wollte wieder nach dem Glas greifen. Doch seine Hand wanderte ins Leere.

Da, wo er das Glas gerade eben abgestellt hatte, stand keins mehr.

Stattdessen hörte er ein leises Kichern. 

Wie von einem Kind.

Aus derselben Richtung, in der auch der Schatten zu sehen gewesen war.

Sein Herz stockte. Das war zu krass. Er kam sich vor wie in einem Horrorfilm. Oder war er wieder zurück in seinem Albtraum?

„Hallo?“

Keine Antwort und Chris fiel etwas ein.

„Sehr witzig, Meg“, sagte er noch zu sich selbst, denn natürlich musste sie irgendeine Falle gestellt haben, die auf irgendeinen Streich hinauslaufen sollte. So etwas hatte er schon oft auf YouTube gesehen. Videos, in denen Menschen ihren Partnern Streiche spielten, indem sie Lautsprecherboxen in die Küchenschränke stellten, ihre Partner fragten, ob sie ihnen ein Glas Wasser holen konnten, und dann den Lautsprecher über das Handy aktivierten und Stimmen aus Horrorfilmen abspielen ließen, sobald der Partner in der Küche war. Natürlich mit dem gewünschten Effekt, beim Partner einen halben Herzinfarkt zu verursachen.

Der Haken an der Sache war, dass das gar nicht sein konnte, denn diese Lautsprecher mussten von jemandem ausgelöst werden.

Doch Meg schlief…

„Hallo?“, sagte er noch einmal.

„Hallo“, sagte eine Jungenstimme. „Wer ist Meg?“

Chris schrak erneut zusammen, doch dieses Mal war kein Blitz oder Schatten daran Schuld. Es war die Stimme des Jungen, die aus der Ecke kam, aus der er vorher das Kichern vernommen hatte. 

In der er den Schatten wahrgenommen hatte. 

Er wandte sich der Stimme zu.

„Wer bist du? Wie bist du mitten in der Nacht hier reingekommen?“

Der Junge kicherte erneut.

„Ich kenne den Weg“, sagte er, doch etwas an seiner Stimme lies Chris schaudern. Er bekam Gänsehaut. Das wurde ihm zu heftig. 

Wie in einem Scheiß-Horrorfilm!, dachte er.

Am liebsten wäre er weggelaufen, doch der Junge schien nicht gefährlich zu sein und wenn er irgendwo eine offene Tür entdeckt hatte, musste Chris das wissen. Immerhin konnten dann auch andere ins Haus.

„Wo bist du reingekommen?“, fragte er nachdrücklich.

„Weiß nicht. Der normale Weg führt mich immer direkt hierher. In die Küche.“

Rrrrrrrrrr.

Click.

„Was war das denn?“

Chris hatte das Geräusch schon einmal gehört, konnte es aber nicht sofort zuordnen. Es klang, als würde jemand mit einem Stock über einen Holzzaun fahren. Nur metallischer… 

Der Junge kicherte.

„Willst du spielen?“

„Ich will, dass du mir sagst, wie du mitten in der Nacht hier reingekommen bist! Wo sind deine Eltern?“

„Meine Eltern?“, sagte der Junge leise. „Papa ist tot und Mama ist weg.“

Chris lief es eiskalt den Rücken runter. Ein Kind ohne Eltern. Nachts in seinem Haus. Sein Verdacht verhärtete sich, dann fasste er einen Entschluss.

„Ich hole die Polizei. Die können dir helfen.“

„NEIN!“

Der Junge klang plötzlich nicht mehr wie ein Kind. Außer sich, fast kochend vor Wut. Etwas Übernatürliches hatte sich in seine Stimme gemischt und Chris war nun endgültig kurz vor einem Nervenzusammenbruch.

Plötzlich klirrte es hinter ihm. Das Glas, das er sich gerade noch aus der Anrichte genommen hatte, zerschmetterte an der Wand in tausende kleine Scherben. Chris duckte sich, doch er konnte einzelne Scherben an seinem Nacken spüren.

Hoffentlich blieb keine davon irgendwie unglücklich stecken.

„Bist du verrückt geworden?“, brüllte er den Jungen an. „Das hätte ich fast abbekommen!“

„Ich bin nicht verrückt! Und du holst keine Polizei!“

Chris reichte es. Er machte ein paar Schritte in die Richtung, aus der die Stimme des Jungen kam. Er ließ sich nicht von einem kleinen Kind auf der Nase herumtanzen, wollte ihn am Kragen packen und einfach aus dem Haus werfen. Das konnte doch bei einem Jungen nicht so schwer sein.

Ein weiterer Blitz erhellte den Raum und dann sah Chris ihn.

„Nein“, sagte er. „Nein, das kann nicht sein. Du kannst nicht hier sein. Wie -?“

Er sah auf einen ungefähr acht Jahre alten Jungen hinab. Er trug eine dunkelgraue Tweedweste mit einem weißen Hemd darunter und eine ebenso dunkelgraue Tweedhose. Eine Schirmmütze verdeckte den Großteil seiner blonden Haare.  Um den Hals trug er ein graues Halstuch, das mit rot-bräunlichen Punkten besprenkelt war. Er sah aus, als wäre er aus einem anderen Jahrhundert. Und Chris wurde schwindelig.

Er erkannte ihn, denn er hatte ihn schon einmal gesehen. Vor wenigen Minuten erst…

Und er hoffte inständig, dass die rot-bräunlichen Punkte auf dem Halstuch nicht das waren, was er dachte.

Das war der Junge aus seiner Erinnerung. Wie hieß er noch einmal? Arnold? Nein, Arthur. Es war die Erinnerung, die ihn vor ein paar Minuten aus dem Schlaf geholt hatte. Aber wie war der Junge hierher gekommen? Halluzinierte Chris nun zusätzlich noch? Oder war er einfach von einem Albtraum in den nächsten geraten?

Sein Kopf wurde schwerer und er tastete an der Küchenanrichte nach Halt. Vor seinen Augen verschwamm der Mörder-Junge, wurde wieder klar, verschwamm wieder.

Neugierig beäugte Arthur Chris. Den Kopf leicht zur Seite geneigt, den Revolver in der rechten Hand, die linke Hand am Patronenlager. Immer wieder fuhr er mit dem Zeigefinger über das Lager, das sich dadurch schnell drehte.

Rrrrrrr.

Dann zog er mit dem rechten Zeigefinger am Abzug. Seine Miene blieb gleichgültig. Nur ein leichtes, analysierendes Stirnrunzeln war zu erkennen, als er Chris zusah, wie er nach Halt suchte.

Klick.

Ein Donnergrollen dröhnte durch die Küche. Doch sonst passierte nichts.

Zum Glück.

„Ist die geladen?“, fragte Chris und ruckte mit dem Kopf in Richtung der Waffe. Ihm wurde  nun durch die visuelle Achterbahnfahrt und die Gewissheit, dass er vor dem Jungen stand, der in seiner Erinnerung gerade einen Menschen erschossen hatte, schlecht. Seine Gedanken suchten nach einer Möglichkeit, aus dieser Situation herauszukommen, doch ihm fiel nichts ein.

Hoffentlich wachte Meg nicht auf. Wenn der Junge sie entdeckte…

„Nö“, sagte Arthur gleichgültig. „Wir spielen ja nicht, oder?“

Schnell schüttelte Chris den Kopf. „Nein, tun wir nicht.“

„Geht’s dir nicht gut?“ Arthur wirkte interessiert, fast schon besorgt.

Chris schluckte. Nein, mir geht’s nicht gut. Gar nicht gut.

„Du solltest lieber mal was trinken“, sagte Arthur emotionslos.

Der Junge ging zur Anrichte, nahm ein neues Glas und drehte am Wasserhahn. Er füllte es, drehte den Hahn ab und ging zurück zu Chris.

„Hier, bitte.“

Chris starrte ihn an, das Glas hatte er ohne groß zu überlegen angenommen. Arthur lächelte ihm zu, seine Augen jedoch zeigten keine Spur von Wärme.

„Ich mag dich“, sagte er und es klang so unwirklich, so unehrlich, dass Chris ein Schauer über den Rücken lief. „Du zitterst nicht wie die anderen. Dir geht’s zwar nicht gut, aber wenigstens heulst du nicht. Ich mag es nicht, wenn sie heulen.“

„Wenn wer heult?“, fragte Chris. Er versuchte, das Glas an seinen Mund zu führen, ohne sich von seinem rumorenden Magen ablenken zu lassen, der ihm wohl mitteilen wollte, besser nicht die Lippen zu öffnen.

„Meine Spielfreunde.“

„Deine Spielfreunde.“

Der Junge nickte.

„Was spielt ihr denn?“, fragte Chris, bevor er es sich besser überlegen konnte. Er versuchte Zeit zu schinden, aber dieser Versuch war zu offensichtlich.

„Das weißt du doch“, sagte Arthur verwundert. „Du bist doch immer mit dabei…“

Chris stutzte.

Bin ich das?“

„Ja, klar! Ich kann dich spüren, aber ich kann dich nie sehen.“

„Woher weißt du dann, dass ich dabei bin?“

Arthur zeigte mit dem Zeigefinger auf seinen Kopf.

„Du bist immer hier.“

Wollte Arthur damit andeuten…

Chris versuchte sich von dem Gedanken zu lösen.

„Bin ich jetzt auch dein Spielfreund?“, fragte er.

Der Junge überlegte, während er den Lauf der Pistole an sein Kinn tippte.

„Mmm… Nö, ich glaub nicht. Du bist zu nett. Aber-“

Arthur verstummte und auch Chris hielt den Atem an. Auf dem Flur waren Geräusche zu hören. 

„Chris?“

Chris verzog das Gesicht. Warum ausgerechnet heute? Warum war Meg ausgerechnet heute mitten in der Nacht aufgewacht?

„Vielleicht kann ich mit ihr spielen?“, sagte Arthur, nun mit einem hoffnungsvollen Glänzen in den Augen.

„Nein, auf keinen Fall“, sagte Chris panisch. Dann zu Meg: „Ich bin nur kurz in der Küche, Babe. Ich hab schlecht geträumt und mein Mund war trocken. Hab mir nur ein Glas Wasser geholt.“

„Vielleicht solltest du mir ihr spielen?“, flüsterte Arthur in Chris’ Ohr.

Chris runzelte die Stirn.

„Was meinst du?“, fragte er und drehte sich zu Arthur um.

Doch Arthur war weg.

„Du hast schlecht geschlafen?“, fragte Meg und kam zu ihm. Sie streckte ihren Arm aus, um Chris zu sich zu ziehen, ihn wieder ins Bett zu holen. Sie schüttelte neckisch den Kopf. „Also echt. Ich wache auf und du bist nicht neben mir. Was fällt dir bloß ein?“, sagte sie. „Komm wieder ins Bett.“

Doch Chris überkam ein unwirkliches Gefühl. Ein Gefühl, als würde er nichts lieber tun, als Megs Kopf mit einem Schuss zu durchlöchern.

Angst durchfuhr ihn und das Gefühl lies genauso schnell nach, wie es gekommen war.

„Na komm schon“, sagte Meg. Doch sie war nicht die einzige.

Arthur hatte genau die selben Worte von sich gegeben.

„Was ist los?“, fragte Meg und schaute ihn an. „Brauchst du noch eine Minute?“

Chris nickte. Er wollte das alles nicht. Doch im selben Moment, in dem Meg sich umdrehte, um wieder ins Bett zu gehen, wusste er, was passieren würde.

Sie stürzte zu Boden. Ihre Knie knallten auf die weißen Fliesen und sie versuchte panisch wieder aufzustehen.

Etwas hatte sie zu Boden gedrückt und hielt sie unten fest.

„Was passiert hier?“, schrie sie. „Chris! Hilf mir!

Doch Chris’ Blick verschwamm wieder. Das seltsame Gefühl war wieder da. 

„Los, spiel mit ihr“, sagte Arthur gierig. Wie aus dem Nichts zu ihm rauschend war er neben Chris wieder aufgetaucht und Chris spürte, wie er ihm den Revolver in die rechte Hand drückte. „Es ist ganz einfach… mit der linken Hand drehst du das Lager und mit der rechten drückst du den Abzug.“

Rrrrrrr.

Klick.

„Chris, du machst mir Angst!“, rief Meg. „Das ist nicht witzig! Hör auf! Was soll das?“

Mit aller Kraft wehrte er sich gegen dieses unsichtbare Wesen, das von ihm Besitz ergriffen hatte. Arthur lachte.

„Du kannst es nicht bekämpfen. Ich kann es auch nicht bekämpfen. Wir sind eins.“

„Nein!“ Chris starrte mit weit aufgerissenen Augen auf Megs Hinterkopf. Sie wehrte sich gegen die unsichtbare Kraft, die sie am Boden hielt, doch kam nicht wieder auf die Beine.

Arthur schnalzte mit der Zunge.

„Hör doch auf zu jammern! Wir spielen bloß!“

In Chris wirbelten die Gedanken. Er erinnerte sich an den Hausherren und das Dienstmädchen, die in seiner Erinnerung vor ihm gekniet hatten.

Genau wie Meg jetzt.

Er konnte nur hoffen…

„Drei Runden“, sagte Arthur. „Und bei der letzten darfst du dreimal.“

Chris schüttelte den Kopf und versuchte weiter, sich mit all seiner Kraft gegen das Unsichtbare zu wehren. Doch sein rechter Arm hob sich von selbst und richtete den Revolver auf Megs Hinterkopf.

„Du kannst das, Chris“, feuerte Arthur ihn an. „Wenn ich das kann, kannst du das auch.“

„Aber ich will das nicht“, sagte Chris. „Ich will das nicht!“

„Natürlich willst du das!“ Verwunderung lag in Arthurs Stimme. „Wer würde das nicht wollen? Es spritzt immer so schön, wenn wir gewinnen. Los. Ich halt sie weiter fest, damit du spielen kannst.“

Also kontrollierte Arthur alles, was hier vor sich ging? Chris konnte nichts anderes tun als zu gehorchen? Das würde er nicht zulassen. Vorher erschoss er sich selbst.

„Chris?“, wimmerte Meg. Er fragte sich, ob sie die Unterhaltung mit Arthur hören konnte… „Warum tust du das? Du machst mir Angst!“

„Drei Runden“, flüsterte Arthur Chris zu. „Danach ist alles vorbei.“

Chris’ Hand zitterte. Immer noch wehrte er sich nach Kräften gegen Arthur in ihm, doch mit einem Ruck hatte er die Kontrolle über seinen Körper verloren. Seine rechte Hand wurde still, die linke bewegte sich zum Kugellager des Revolvers.

„Mit der linken Hand am Lager drehen, dann abziehen“, flüsterte der Junge. Seine Augen schauten gierig auf Megs Kopf. Ein leichtes Lächeln umfuhr seine Lippen.

Chris’ linke Hand wanderte an das Lager, sein Zeigefinger zog es schnell nach unten.

„Ich will das nicht, Meg!“, rief er.

Rrrrrrr.

Fast automatisch zog sein rechter Zeigefinger am Abzug.

Klick.

Meg schrie auf.

Chris war froh, dass Arthur ihn nicht zwang, ihr in die Augen zu schauen. Er wollte die Angst und Verzweiflung, die Ratlosigkeit und Qual in ihr nicht sehen. Er wollte nur, dass es aufhörte.

Arthurs Schultern entspannten sich und in seinen gierigen Blick schlich sich ein wenig Enttäuschung. Ob er mit Chris spielen würde, wenn er verlor?

Erleichtert wollte Chris die Waffe sinken lassen, doch sein Arm wurde weiter fremdgesteuert.

„Na los! Zweite Runde“, sagte Arthur genervt. „Stell dich doch nicht so an. Das Spiel geht doch ganz einfach.“

„Chris…“

Meg weinte.

„Ich liebe dich“, sagte er.

Chris versuchte mit aller Kraft den Arm von Megs Hinterkopf wegzudrehen und ihn stattdessen auf Arthur zu richten, doch Arthur lachte nur.

„Das geht nicht“, sagte er belustigt. „Du kannst nur auf Leute zielen, auf die ich auch zielen will. Das sind die Regeln…“

„Welche Scheißregeln?“, schrie Chris ihn an. „Ich will diesen Dreck nicht spielen!“

Arthur zuckte mit den Schultern.

„Wenn du einmal angefangen hast, musst du zu Ende spielen.“

Mit wem redest du?“, schrie Meg verzweifelt. „Chris! Was für ein Spiel?“

Auch Chris verzweifelte. Er wollte das nicht. Schon gar nicht wollte er seine große Liebe töten müssen. Er wusste nicht, wie er aus dieser Situation herauskommen sollte. Er wusste nur, dass sie ihm nichts glauben würde, wenn sie beide das überlebten.

Rrrrrrrr.

„Es tut mir so leid.“

Klick.

Meg kniete immer noch auf dem Fußboden. Immer noch bewegte sie sich, weinte, flehte ihn an. Chris schöpfte Hoffnung, doch wie er es auch drehte und wendete, er würde heute - in diesen nächsten Sekunden - alles verlieren, was ihm wichtig war. Nur eine Frage blieb ihm noch.

Würde sie überleben?

„Hör auf, Chris! Bitte!“

Chris rannen die Tränen an den Wangen herunter. Er würde Meg verlieren. So oder so. Nach dieser Geschichte würde sie ihm nie wieder vertrauen. Ihn nie wieder lieben können. Er würde es verstehen.

„Ach menno!“, sagte Arthur. „Hört doch auf zu heulen! Beide!“ Wie ein quengelndes Kind stampfte er auf den Boden. „Ich hasse es, wenn ihr heult!“

„Dann beende das Spiel. Lass uns aufhören und niemand heult mehr“, sagte Chris.

„NEIN!“, schrie Arthur, das Gesicht wütend verzerrt. „ICH WILL SPIELEN!“

Der Junge schien wie aus einer anderen Welt.

„SCHIEß!“, brüllte Arthur und stampfte weiter mit den Füßen auf.

Chris wandte all seine Kraft auf, wollte die Waffe auf seinen eigenen Kopf richten. Sich selbst erschießen um Meg zu retten. Er schaffte es.

Doch…

Ohne, dass er sich wehren konnte, richtete sich der Lauf wieder auf Megs Kopf, er drehte erneut am Patronenlager. 

Rrrrrrr.

„SCHIEß! SCHIEß! SCHIEß!“

Arthur war außer sich. Nichts an ihm erinnerte noch an einen kleinen Jungen. Seine stampften so schnell auf den Boden auf, dass sie nur noch verschwommen wahrnehmbar waren. Der Boden bebte. An der Stelle, auf der er stand, schwärzten sich die Fliesen. Chris spürte die Hitze, die der Mörder-Junge ausstrahlte.

Click.

Cli-

Der Schuss löste sich, Megs Kopf ruckte nach vorn. Blut spritzte in Chris’ Gesicht, verteilte sich an der Wand vor ihm und auf der Küchenanrichte.

Ihr Blut.

Langsam kippte Meg nach vorn.

Auf dem Boden breitete sich nun eine weitere Blutlache aus.

„Jaaaaa!“, rief Arthur, nun wieder wie ein kleiner Junge, der gerade auf dem Fußballplatz ein Tor erzielt hatte. Er streckte die Arme in die Luft und begann auf der Stelle zu springen. „Jaaaa! Du hast gewonnen, Chris!“

Chris’ Knie gaben nach. Ihm wurde schwarz vor Augen.

Der Boden bebte nicht mehr.

Die Welt stand still.


Er kam zu sich, fühlte die schwere Winterdecke auf sich, aber wagte es nicht, die Augen zu öffnen. Ihm war schlecht und er zitterte am ganzen Körper. Sein Atem wurde schneller.

Er hatte sie erschossen!

Er hatte noch immer ihren Duft in der Nase, sah das Blut aus ihrem Kopf schießen, sah, wie es sich auf den Küchenfliesen verteilt hatte.

Er kniff die Augen fester zusammen.

Die Waffe hielt er immer noch in seiner rechten Hand…

Mit allem Mut, den er aufbringen konnte, öffnete er die Augen.

Meg lag neben ihm und starrte ihn angsterfüllt an. Vorsichtig griff sie sich an den Hinterkopf...

„Was hast du getan?“, flüsterte sie, als sich ihre ungläubigen Augen mit Tränen füllten.

Zwei Fragen durchfuhren ihn.

Woher wusste sie, was er in seinem Traum getan hatte?

Und die Wichtigste von ihnen.

Wie konnte er wissen, dass er nicht immer noch schlief?