Baby-Sabber ist
auf kein bekanntes Problem

des Rätsels Lösung.

Ich halte mich ja im Allgemeinen für abgehärtet. Als ehemaliger Gebäudereiniger mit einigen Jahren Berufserfahrung habe ich mehr Fäkal- und Urinreste von Hunden und Menschen entfernt, als mir lieb war. Ich habe tote, angefressene Ratten, Tauben, Krähen und Mäuse mit dem Handfeger aufgenommen und entsorgt und dabei zugesehen, wie mehrere Jahrzehnte alte Nikotinüberreste als gelb-bräunliche, dicke, klebrige Flüssigkeit an Fensterscheiben und Rahmen herunterfloss, woraufhin alles und jeder nach dem Zeug roch und die benutzten Lappen feierlich dem Müll übergeben wurden.

Zusätzlich habe ich meiner Frau bei der Wassergeburt unseres Sohnes beigestanden, wobei ich ohne mit der Wimper zu zucken stundenlang bis zu den Oberarmen in ein Gemisch aus allerlei Körperflüssigkeiten griff, um sie zu unterstützen. Doch Baby-Sabber ist eine Sache für sich.

Es beginnt alles recht harmlos. Das Baby kommt auf die Welt und macht wenig mehr als schlafen, trinken und dieses grässlich stinkende, grün-schwarze Zeug namens Kindspech auskacken. Mit fortlaufendem Alter beginnt der kleine Mensch jedoch, speziell mit Beginn des Zahnwuchses, mehr oder weniger unkontrolliert zu sabbern. Es scheint, als gäbe es im Körper einfach einen Transformator, der aus drei Schlucken Brustmilch drei Liter des eigenartigen Sekrets erstellt, um damit die gesamte Umgebung zu markieren. Prinzipiell ist dieser Speichelüberfluss praktischer Natur, denn Babys haben ab einem gewissen Alter den unstillbaren Drang, alles in den Mund zu nehmen, was in greifbare Nähe gelangt. Da die Augen meist größer als der Mund sind und das mit dem Kauen noch nicht so eingeübt ist, hilft dieser Wasserfall aus Speichel dabei, zu große Blöcke genug einzuölen, um doch durch die Speiseröhre zu gelangen. Dass der Großteil der Dinge, die dort hineingelangen nicht zum Verzehr geeignet ist, ist ein Umstand, an den man sich als frischgebackene Eltern schnell gewöhnt.

Kartons, Taschentücher, Fussel, irgendwelche Krümel, Sand, Erde, Steinchen – man hat keine ruhige Minute, denn das junge Wesen ist agil und gerissen. Es wird in der einen Hand etwas offensichtlich ungenießbares hochhalten, welches man ihm denn sogleich entreißt, nur um in der anderen Hand etwas genauso unverdauliches versteckt zu halten und sich im nächsten Augenblick bis zum Anschlag in den Rachen zu stopfen. Man gewöhnt sich dran und kontrolliert fortan lieber beide Hände.

Interessanterweise scheint sich Baby-Sabber auch nicht an bekannte physikalische Gesetze zu halten. Als Flüssigkeit sollte sie nicht magnetisch sein, und doch beobachte ich regelmäßig, wie sich ein Sabberfaden automatisch an einen nahegelegenen Gegenstand heranzieht. Ich bezeuge, dass unser Kind nur an einem Gegenstand ignorant vorbeikrabbeln muss und dieser dennoch unweigerlich frische Sabberspuren aufweist. Neulich sprachen mich Besucher darauf an, wieso alles in unserer Wohnung so schön glänzt. Ich vertraue euch hier im Geheimen an, dass es nicht an unserer guten Holzbodenseife liegt, sondern daran, dass sich die Baby-Sabber gleichmäßig auf allen Oberflächen verteilt hat und man mit dem Wischen einfach nicht hinterherkommt.

Während es also in der Wohnung kein Buch, keinen Karton, kein Blatt Papier und keine Tischkante, Schranktür, Teppiche und Holzdiele gibt, die nicht irgendwo durch Baby-Sabber aufgeweicht, fleckig, zersetzt oder wellig geworden ist, scheint das Sekret auf menschlichen Körpern andere Qualitäten zu besitzen. Es kann gleichermaßen alles befeuchten und Schmutz wie ein Vakuum anziehen. So sieht das Kind, nachdem es von einem Ende des – frisch gesaugten und gewischten! – Flures zum anderen gekrabbelt ist, aus, als hätte es im Staubsaugerbeutel gewühlt. Ich versuche derzeit wissenschaftlich nachzuweisen, dass die Baby-Sabber in Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft zu Staubflusen oxidiert, doch das Kind hält nicht lange genug für ausführliche Beobachtungen still. Zum Glück erwies sich meine ursprüngliche Angst davor, dass Baby-Sabber sich ähnlich wie Alien-Magensäure rasant durch den Körper ätzen würde, als überwiegend unbegründet.

Das Hauptproblem ist jedoch, dass man durch das viele Sabbern – das Kind ist zu keinem Zeitpunkt trocken in Gesicht, an Händen, Armen oder Oberkörper – meist zu spät erkennt, ob das Kind sein Mittagessen nicht vertragen hat. In unserer Wohnung laufen wir häufig Barfuß und wissen, dass sich der Boden eher wie die Fliesen im Schwimmbad anfühlen, also konstant mit Tropfen versehen. Doch den schaudernden Ekel, der einem mit der langsamen Erkenntnis beschleicht, dass diese feinstückige, cremigere und bei Hautkontakt stinkende Substanz, in die man da gerade getreten ist, Erbrochenes ist, werden wir vermutlich niemals ganz los.

Glücklicherweise habe ich mir sagen lassen, dass auch diese Sabberphase so spätestens mit der Pubertät aufhört und durch andere Ekelhaftigkeiten ersetzt wird. Davon werde ich euch dann sicher ebenfalls freudig berichten.